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es kommt darauf an.
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Ἦρος ἄγγελος ἱμερόφωνος ἀήδων
Sappho 6.Jh.v.Chr. (Des Frühlings Botin mit sehnsuchtsvoller Stimme die Nachtigall)

Dienstag, 28. August 2012

Naziaufmarsch in Bensheim - am vergangenen Samstag kam es zu einem Aufmarsch einer Gruppe von ca 40 Nazis; sie zogen mit Transparenten und Fahnen durch die Bensheimer Fußgängerzone - ohne jeglichen Widerstand. Ich erfuhr davon in der Zeitung am Montag und schrieb sofort einen Leserbrief; da er heute noch nicht veröffentlicht wurde, stelle ich ihn hier im Blog aus:


Ich schäme mich
Leserbrief  zum Artikel „Aufmarsch von Neonazis“ im BA vom 27.8.12
Ich schäme mich für die Stadt Bensheim, dass am Samstag eine Nazi-Gruppe vom Bahnhof zur Hauptstraße und weiter durch die ganze Fußgängerzone ziehen konnte, ohne dass von der Stadt oder von demokratischen Parteien und Organisationen irgendein Widerstand deutlich wurde. Lediglich die Polizei war von der Stadt  als Begleitung der Nazis durch die Stadt organisiert.
Dass Stadtrat Adil Oyan noch im Urlaub weilte, ist keine Entschuldigung, denn wo war zum Zeitpunkt der Antragstellung der Bürgermeister, wo waren andere Magistratsmitglieder?  Aber  Adil Oyan meint ja ohnehin: „Es gab aber keine rechtliche Handhabe, die Kundgebung abzulehnen.“ Es ist wirklich schrecklich und beängstigend, wenn man sieht, was in der vergangenen Woche in Nordrhein-Westfalen bei der Razzia ans Tageslicht kam: nicht nur reichlich schriftliches Material auch mit deutlichen Verknüpfungen zur „rechtlich zugelassenen“ NPD sondern auch jede Menge Waffen; und dann gibt es  keine „rechtliche Handhabe“ diese Aktionen zu verbieten? Die Stadt, die ja vor einigen Jahren die „Bensheimer Erklärung gegen rechtsextreme Aktionen“ beschlossen hat,  hätte damit wenigstens ein Zeichen gesetzt, auch wenn häufig die Gerichte diese Verbote mit formalen, politisch unzutreffenden Argumenten, wieder aufheben. Eine aktuelle Begründung wäre hier z.B. gewesen, dass am Samstag in der Fußgängerzone zwei politische Kundgebungen, die schon lange angemeldet waren, stattfanden: eine von der CDU und eine von der GLB.
Ich schäme mich persönlich, wenn ich mir klar mache, dass ich an einer der beiden Veranstaltungen längere Zeit teilnahm, während an anderer Stelle die Nazis sich auf ihren Marsch vorbereiteten. Allerdings wusste ich selbst zu diesem Zeitpunkt nichts von dem, was der Stadt bevorstand. Die Anmeldung des Naziaufmarschs hätte doch sofort aus dem Rathaus in die Öffentlichkeit  gelangen müssen, um zumindest einen spontanen Widerstand mobilisieren zu können; schließlich hätten die GLB und die CDU bei ihren Veranstaltungen vor der Faktorei spontan zu Aktionen gegen den Aufmarsch der Nazis aufrufen müssen. Es gibt kaum Städte in Ost- oder Westdeutschland, in denen heute solche Aktionen mitten in der Stadt unbehelligt stattfinden können. Was muss denn noch passieren, bis sich die Verantwortlichen, ich meine damit die politischen Vertreter ebenso wie alle Bürger, mich eingeschlossen, diesen Herausforderungen und dieser Bedrohung der Demokratie adäquat stellen?
                                                                   Dr. Johannes Kraemer, Postgasse 4

Montag, 16. Juli 2012


9 Gedichte
Aus neueren Tagebüchern



Voll Leben
herum lungern,
frei schweben,
hier und da
hin schauen,
zugreifen,
eingreifen und weg,
planlos.
 

Kap Arkona
Um uns
ganz normales Land
ohne Regung
Felder mit Sanddorn
Baumgruppen
im Herbst
nur der Wind drängt 
- aber schon
wächst das Rauschen
vom Meer
und über den Wellen
     - Möwen –
in all ihrer Bedeutung
stehen im Wind
fallen mir ein
parallel zum Horizont.




Paul Verlaine, Poèmes saturniens (p.141)
    Wie blau war er, der Himmel, und wie groß die Hoffnung.
    Die Hoffnung floh, überwältigt, zum schwarzen Himmel.

   So liefen sie durch die schwankenden Haferfelder
   Und nur die Nacht hörte ihr Reden.



  Gipfel –

die Angst
zu versagen
vorher
danach
(betretenes Schweigen)
schweigsam
beim Abstieg
es nicht geschafft zu haben
den winzigen Schritt
zwischen
Ich – Nicht - Ich
Sein und Nicht-mehr-sein
Stattdessen
sorgsam gesetzt
den sichern Schritt
damit man sich nicht stoße
zwischen die Steine
in die geschenkte Zeit.



Angst

nur zu denken –
das Tor
öffnet sich lautlos
ganz lautlos
schieben sich die Flügel
und
ein tritt
das Schreckliche
unausweichlich
-alltäglich.





 Aufstehen
Lass deine Hände am Morgen
   eine Weile frei im Raum spielen
wirf einen Blick ungezwungen durchs Fenster
   einen Ausschnitt deies Alltags
bring ein paar Töne zum Klingen
   und Verse Worte unverrückbar
mit warmer Hand gesetzt
   lassen ein Bild zurück
               - atmen
             aufatmen.



  Traum von Wirklichkeit

Man meint es sei  so
der Boden sei fest
er trüge dich
die Mauern stünden auf Dauer so
das Haus hier schütze
die Wände wärmten
die Verhältnisse
- immerhin erträglich
      
          aber

wenn nun der Boden nur Papier wäre
die Mauern zerfielen
einfach so
auch ohne Trompetenstöße
das Haus in Staub fiele
die Wände zerstieben
die Verhältnisse sich lösten?

Nackt und frierend
im Leeren
bleibst Du.


     Momente

schöner grauer Julitag
Regen prickelnd nass und kalt
aber der große Ofen wärmt
aus zwölf Saiten
sprudelt romantische Musik
da murrt es sich so herrlich
wenn „ein starker Duft
von Nachtviolen und Rosen…“
   geh nur nach Haus, Julie,
   Du findest dort:
   das kalte Grau
   birgt den dunklen süßen
         Mandelkern –
Dort lass dich ein. *
*Zitat aus E.T.A.Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr

      Musik

Wenn um mich herum
sogar die Mauern
etwas nachgeben
auf einmal
und der Boden schwankt

Oh, welche Chance!
Jetzt ist es besser rot
ja, auf rotem Papier zu schreiben
das trägt und schwillt
    fliegt davon

Nächtens geht es fester
in einem andern Raum
in der anderen Zeit
treibt mich die Sehnsucht
          unglaublich
jetzt im Spätherbst

Nur die Stimmen hören
einfach die Stimmen nur
- jetzt dringen  sie ein
in der Nacht
in der Stille des Wassers
zieht es hinab
in die Dunkelheit


Montag, 16. Januar 2012

Athen, erster Aufenthalt Januar 1990

aus Tagebuch Nr. 19

                                 Im Flugzeug in München, 31.12.89
Da bin ich - nach langer Erwartung, wie immer sehr unbestimmt und in den letzten Tagen eher Angst - vor allem in den Nächten: der Innenraum des Flugzeugs - ich lasse mich auf etwas ein, wo ich nicht aussteigen kann. Es wird eng hier in dem langen niedrigen Raum,  so viele Menschen gedrängt - heute Morgen, noch mitten in der Nacht nach dem Abschied von Hille - warten, ruhig im Flugzeug vorn in der 3.Reihe, das war angenehm - kurze Anspannung beim Aufsteigen - schnell über die Wolkendecke, aber darüber nichts, kein Blick auf die Ebene, den Odenwald. Kurz vor München wurde es im Osten über dem Wolkenmeer etwas hell. Jetzt zum zweiten Start; die beiden Frauen neben mir haben die Augen geschlossen - ob man so besser übersteht? Meine Gefühle sind sehr zurückhaltend - abwarten, nicht viel denken. Im Warteraum eben ein Mann mit siebenjährigem Sohn, Iraner, wir sprachen italienisch.
Es ist auch schön, ja, jetzt über den Alpen, leider sind die Fenster sehr klein und da ich wegen meiner Phobie am Gang sitzen muss, schaue ich rechts und links jeweils über zwei Nachbarinnen. Bei 850km/h und einer Höhe von 9000m ändert sich das Bild nur allmählich, nur wenn sich das Flugzeug zur Seite neigt, schaut man tief nach unten. Störend ist das geschäftige Treiben im Flugzeug - schon wieder Frühstück und Kaffee und zollfreies Einkaufen. Über Jugoslawien ein ganz anderes Bild: langgezogene Grate und Senken mit Nebel. Sarajewo. Saloniki. Nordgriechenland. Ein Wolkenmeer unter der Sonne wie ein riesiges Schneefeld - nur der Olymp ragt darüber hinaus. Als wir in Athen landen, bekreuzigt sich eine ältere griechische Frau.
Gegen Abend, mein erster griechischer Kaffee in der Plaka. Es ist kalt und ich glaube, dass ich den Jahreswechsel erst diesmal überschlafe.

                                 1.1.90
Es ist kalt - ich wollte erst gar nicht aus dem Bett, wollte weg sein. Der Himmel ist grauschwarz, aber dann ging ich doch los, durch menschenleere Gassen. Aus einer kleinen Kirche wurden Gesänge mit Lautsprechern auf die Straße übertragen. An der Agora vorbei zur Pnyx. Ob die alten Athener hier auch bei solchem Wetter ganztägige Volksversammlungen abhielten? Ich stieg nicht auf den Philopapposhügel, weil es mir zu kalt war und die Aussicht zu trübe. Im Schutz des Hügels war es wärmer. Ich ging also in Richtung zum Meer, zum Piräus - zuletzt noch, weil es sich doch wider Erwarten endlos hinzog durch kahle Straßen, mit Bus nach einem „Gespräch“ mit einer älteren Frau an der Haltestelle. An den Bäumen hängen Orangen - kaum zu glauben. Olivenbäume, Eukalyptus u.a. Im Hafen an der Aktí Miaoúli lagen Riesenfährschiffe mit offener Einfahrt wie schwimmende Parkhäuser. In einem Café lauter dunkle Männer, ein griechischer Kaffee und Musik - das tat mir gut.

                                
                                 2.Januar
In der Athinas-Straße
Um zu schreiben, muss ich mir erst die Finger wärmen - mit einem griechischen Kaffee (60GRD!) an der Plateia Omonoia, also in der Nähe meines  Hotels, beginnt meine erste „Besichtigung“, die Agora, zu deren Ausgrabung die USA ein ganzes Stadtviertel abgeräumt haben, mit entsprechenden Protesten. Was hier einmal geschah! Geschäfte, Leute, Reden, Hektik ist jetzt in ganzen Stadtvierteln außerhalb. Gleich vom Eingang weg bis zum Monastiraki der Flohmarkt und dann in der Nähe des Hotels in der Athinas-Straße um die großen Markthallen herum. Die Straßen bieten ein anderes Bild als ich es von allen Großstädten kenne, von deutschen Städten ganz zu schweigen: kleine, kleinste Häuser neben Riesenkästen, alte, moderne, Flitter neben ganz Verfallenem, dunkle einräumige Werkstätten, manchmal im Keller neben feinen Läden. Die Leute hier wirken wach und gelassen.
                                          abends
Die Nachmittagswanderungen sind anstrengend, gegen fünf wird es dunkel, auf den breiten Straßen herrscht ein Wahnsinnsverkehr. Gestern Abend ein Fahrradfahrer, ohne Licht, mittendrin - bei uns ein Todeskandidat. Ich laufe von der Uni zur Straße des 28.Oktober, weit hinaus, und die Straße des 3.September zurück - zwischendurch eine Tiropitta und - daran konnte ich nicht einfach vorbeigehen - eine Crèpe au sucre, me zacari). Dieses Viertel ist mondäner, mit vielen großen Geschäften, Buchläden und auch einem Musikgeschäft mit Noten - z.Zt. alles geschlossen, aber später - und dann heute auch einige Kinos, was ich gestern vergeblich suchte. Dafür fand ich etwa sechs kleine Theater; bei meinen geringen Sprachkenntnissen schien mir das jedoch eine Verschwendung - vielleicht nächste Woche.
Heute bin ich hier im Asty einen polnischen Film sehen: Μικρή ερωτική ιστορία, von Kislοfski, nach dem Publikum zu urteilen, das eben herankommt, sicher ein guter Film, ich hoffe, dass ich etwas verstehe. Ein lyrischer Film ohne viele Worte, und die in Polnisch, griechisch untertitelt - das ist gut für Anfänger mit einem Hang zur Schrift; ein griechischer Kurzfilm am Anfang war schon viel schwieriger. Gestern, als im Bus vom Piräus nach Athen ein alter Mann rauchte, hielt der junge Busfahrer an und ließ eine Schimpfsalve auf ihn los, kaum eine Sekunde lang - das wirst du nie verstehen diese Sprache, dachte ich. Der Film hat mich sehr betroffen und wohl nicht nur mich - als wäre es eine Geschichte aus meinem Leben - danach ging mir eins von den südamerikanischen Liedern, die ich mit Susanne spiele, nicht mehr aus dem Kopf.
Eben las ich mein römisches Tagebuch - sehr intensive Erinnerung an einzelne Wanderungen - da wankte mein Stuhl, der Boden - ein furchtbarer Schreck! Im fünften Stock eines wohl nicht sehr soliden Hauses! So hatte ich das noch nie erlebt. Ich konnte nicht bleiben, zog mich wieder an und ging. Unten in der Bar und in der Rezeption hatte niemand etwas merken wollen - ich ging einige Zeit durch die Straßen und trank dann in der Bar einen Kaffee - ich muss die Angst verdrängen, wie schon im Flugzeug.

                                  
                                 Donnerstag, 3.Januar
Immer bin ich noch zuerst enttäuscht, wenn mir einer „nä“(ναί) sagt, dann erst schalte ich und merke, dass meine Frage bejaht, meine Bitte nicht abgeschlagen wurde. Die Nacht habe ich überstanden, wenn auch schlecht - in den Zeitungen standen übrigens doch große Berichte über das Erdbeben abends mit Stärke 5 auf der Richterskala.
Das Frühstück habe ich verpasst, meine Uhr ging nach - kein guter Anfang, vor allem für eine so gewaltige Unternehmung wie den Besuch des Nationalmuseums den ganzen Tag. Jetzt sitze ich im Café des Museums, nachdem ich das Erdgeschoss durchwandert habe.
Da ist auch der Krater, den ich so oft kopierte: Prothesis einer jungen Frau mit Trauernden – dahinter sind zwei Reiter und Männer des Trauerzugs (etwa 80cm). Einen Brautzug habe ich noch nicht gefunden, aber vom Ende des 5.Jh. gibt es mehrere Darstellungen auf Loutrophoren und Lebes.
Ich versuche, die Straße zur Akademie zu gehen. Die Straße ist eine Fußgängerstraße, neu angelegt. Auf einem anderen Hügel sehe ich eine byzantinische Kirche, es ist die Kirche des hl. Milianós, 1953 erbaut, mit Bruchstein und die Architekturformen mit Backstein.
weiter

Montag, 10. Oktober 2011

diario III /IV/V 1963 - Sommer 1964

Als ich Zeit hatte, 
das heißt nach meiner Pensionierung, 
gab ich den ersten Teil meiner Tagebücher, 
von 1962 - 1968, als Buch heraus 
und schenkte es an Freunde.
Hier nun das dritte, vierte und fünfte der "blauen Bücher"

III(Schluss)

                                                         24.XI. 63
     Meteor

Vom roten Leib des Eins
gelöst, entbunden in Wehen
getrennt vom Herde des Scheins
umher ins Dämmern gehen

Das Bild der Lichtung fern
bist du im Ganzen
                                                
                                               27.XI. 63
<Et La Bruyère nous dit que c'est tout: Être près des gens qu'on aime, leur parler point, tout est égal. - Il a raison; c'est le seul bonheur, ajouta M. de Scharlus d'une voix mélancolique; et ce bonheur-là, hélas, la vie est si mal arrangée qu'on le goûte bien rarement; Mme de Sévigné a été en somme moins à plaindre que d'autres. Elle a passé une grande partie de sa vie auprès de ce qu'elle aimait.
- Tu oublies que c'était pas de l'amour, c'était de sa fille qu'il s'agissait.
- Mais l'important dans la vie n'est pas ce qu'on aime, reprit-il d'un ton compétent, péremptoire être presque tranchant, c'est d'aimer. Ce que ressentait Mme de Sévigné pour sa fille peut prétendre beaucoup plus justement ressembler à la passion que Racine dépeinte dans Andromaque ou dans Phèdre, que les banales relations que le jeune Sévigné avait avec ses maîtresses. De même, l'amour de tel mystique pour son Dieu. Les démarcations trop étroites que nous traçons autour de l'amour viennent seulement de notre grande ignorance de la vie.>
       M.Proust, A l'ombre des jeunes filles en fleurs (76)

Das Gefühl, dass du um mich bist, als geschlossene Landschaft, als Mensch - als Musik - und dann Deine greifbare Form im Relief des Halbmondes.


      
      Tagmond
In Deinem Kreis bin ich
Du auch im kalten Blau
ein Halbmond nicht genau
ein weicher Bug in sich
oh alle Skalen des Rot
Nicht Mitte - überall du
in jeder Rundung ein Boot
verwandelt weiß was rot
ist Mond und Welt und Du.
                                                 1.1.64

        Am Aktentisch

Da hab ich den ganzen Tag dekretiert
Und es hätte mich fast wie so manchen verführt:
Ich spürte das kleine dumme Vergnügen
Was abzumachen, was fertigzukriegen.
                                                 Th.Storm
                                                
                                               im Zug, 5.1.64
  Liegende (Detail)

Ein steiler Flug im Arm
dann Wende jäh zurück -
ein Hieroglyph von Glück
verborgene Oase der Föhren
Ausgleiten, heimliche Küste
der Ruhe mit fernen Chören -
Kreis vor den Wellen der Brüste
                                                
                                                             7.I.64

Er wehte sich über die Stirn: Am Abend, als ich ausging, schien ich mir noch des Schmerzes wert. Nun mag ich unter Farren liegen, die Stämme anschielen und überall die Fläche sehen.                   Rönne

IV                                          
                                               17.1.64
Faust
<Je respire et je vois ... Mais ce qu'il y a peut-être de plus présent dans la présence, c'est ceci: Je touche ... (Il frappe le bras du banc sur lequel il est assis.) Et d'un seul coup, je trouve et je crée le réel ... Ma main se sent touchée aussi bien  qu'elle touche. Réel veut dire cela. Et rien de plus.>

Lust (derrière lui, à demi voix)
<Il parle, et je parle; et nos paroles ne s'échangent point. Et cependant, il ne se peut qu'il n'y ait entre ce qu'il ressent et ce que je sens moi- même une ressemblance ... vivante. L'heure est trop mûre, trop chargée des fruits mûrs d'un jour de pleine splendeur pour qu'il se puisse que deux êtres, même si différents, ne soient pas mêmement à bout de leur résistance à la force des choses ... Mêmement.
                                                 Paul Valéry

carmen supinum (Sidonius Apollinaris, Ep.IX 4)

<Roma tibi subito motibus ibit amor>

                                               30. I

         Nachts

Mond - immer wieder,
rot oder kalt
auch Insel immer wieder
Meer und Basalt
in den Deichen geheim
der Stille und jedes in Lieder
aus Mond und aus Reim

Der Mensch vergisst die Sorgen aus dem Geiste,
Der Frühling aber blüht.
                                                 Fr.Hölderlin

Da ich ein Knabe war,
  Rettet' ein Gott mich oft
    Vom Geschrei und der Rute der Menschen,
      Da spielt ich sicher und gut
         Mit den Blumen des Hains,
             Und die Lüftchen des Himmels
                Spielten mit mir.
                              Fr.Hölderlin

                                                 München, 24.II.64

Nachgeben: nicht fliehen, sich den überschweren, nichtigen Eindrücken durch Abreise entziehen, sondern durchhalten, supporter, wie die Caryatide tombée, sich unter dem Druck des Außen auf letzten inneren Zusammenbruch zurückziehen und so aushalten, unpathetisch - ernst. Es hilft mir ein wenig, jetzt Rilke in mir zu haben, so tief in mir, so abgedrängt und durch das lange Schweigen versickert, dass er schon anonym wird. Einiges ziehe ich wieder hervor aus seiner Biographie, so besonders das Pariserlebnis, das ihm zuerst so unerträglich war. Irgendwo ist eine Gemeinsamkeit, die mich beruhigt, trotz der sehr großen Verschiedenheit. Allein das Gefühl, dass er und auch einige andere (Hölderlin besonders) ausgehalten haben, gibt mir ein wenig Kraft - dann aber auch: Du. Als ich wegfuhr, heute Morgen von Bonn, kamst Du mir immer näher, je weiter ich fuhr. Ich habe keine Photos mitgenommen, sie stellen Dich zu sehr nach außen; aber ich habe Briefe mitgenommen und wenn ich die Schrift sehe und einige Sätze - ganz beliebige - lese, bist Du in mir lebendig. Dann habe ich Dich so lieb und Du bist mir so nötig und Du wirst es noch weiter sein (obwohl das für mich so gefährlich ist). Ich möchte, dass Du mich "groß" siehst, auf meine eigentümliche Art groß, und dass ich Dir etwas bedeute.


Sage deinem Herzen, dass man vergebens den Frieden außer sich suche, wenn man ihn nicht sich selbst giebt.             
              Hölderlin, Hyperion-Fragment

                                                 Bonn, 1.3.64

               Enharmonik
Rhythmen des Wahns enorm
geballt in den Nachtgewalten -
und irgendwo doch, verhalten
Möwen, schwer wie bei Storm.

Endlos weben die Schauer
jeden Laut  monoton
ins Grau und auch, nicht genauer:

Unendlicher Rausch im Flug
durch Skalen der Erde, ohne
Schwere verhallt und Bug.

Zitronen hart um Storm
und Strom verdichtet klingen
metallen kalt und singen
hinauf den Saft in der Form.